Nick Cave live in Berlin: Eine wundersame Wandlung

Der australische Sänger, Poet, Buchautor und Rockstar Nick Cave ist seit Jahrzehnten ein Fixpunkt in der internationalen Musikszene. Seine düsteren, oft schaurigen Songs haben ihm schnell den Ruf eines „Fürsten der Finsternis“ eingebracht. Diesen Ruf pflegte er viele Jahre lang auf der Bühne als undurchschaubares und unnahbares Enigma. Doch etwas hat sich in den letzten Jahren verändert. Die Manifestation dieser Veränderung erlebten seine Fans beim Konzert im Admiralspalast in Berlin so dramatisch, wie noch niemals zuvor.

Video by Ed Walker via YouTube

Ein gefragter Soundtrack-Komponist

Neben seiner Karriere als Rockstar hat sich Nick Cave in den letzten 15 Jahren gemeinsam mit seinem kongenialen Partner Warren Ellis eine zweite musikalische Karriere als Soundtrack-Komponist aufgebaut. Die düsteren Soundelegien des Duos passen wunderbar zu kargen Film-Epen wie „The Proposition“, „Die Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford“, „Wind River“ oder „Hell or High Water“.

Dabei greift Cave auch Themen auf, die man nicht unbedingt auf den ersten Blick mit ihm in Verbindung bringen würde. So untermalt er im hochgelobten Film „Hell or High Water“ mit dem Song „Casino“ eine Szene, die sich durch die eindringliche Musik unvergesslich ins Gehirn des Betrachters brennt. Damit reiht sich Nick Cave ein in eine Reihe von Stars, wie beispielsweise Abba, die dem Glücksspiel in ihren Werken bereits Tribut zollten. Dazu zählen nicht nur Deep Purple mit dem unvergesslichen Rock-Klassiker „Smoke on the Water“ oder Elvis Presley mit „Viva Las Vegas“, sondern auch die Rolling Stones mit „Tumbling Dice“. Schon der legendäre „Gitarrist des Teufels“ Robert Johnson besang 1938 das Kartenspiel. Lady Gagas „Pokerface“ war der letzte Superhit einer langen Reihe an Glückspiel-Tributes. Dabei passt das Thema so gar nicht zur düsteren Welt des Nick Cave. Ihn würde man eher fernab von jeglichem Vergnügen verorten.

Was zählt ist das Ergebnis

Scheinbar spielt Geld im Leben des Australiers eine weniger bedeutende Rolle, als bei anderen großen Rockstars. Wenn es darum geht seine künstlerischen Visionen zu verwirklichen, greift er auch mal in die eigene Tasche, wie zuletzt im Dokumentarfilm „One More Time With Feeling“. Den hat er vollständig selbst finanziert.

Er selbst sieht sich allerdings keineswegs als Finstermann, sondern betont in Interviews, wie auch beim Auftritt in Berlin, immer wieder seinen Humor, der in seiner Arbeit eine durchaus tragende Rolle spielt. Die aktuelle Europatour steht unter dem Motto „Conversations with Nick Cave”. Der Titel ist dabei Programm, denn der Australier führt damit ein neues Konzept zur Perfektion, an dem er lange gearbeitet hat.

Die neue Offenheit

Bereits vor einigen Jahren erlebte das Publikum bei seinen Konzerten einen scheinbar neuen Nick Cave. Dieser suchte plötzlich aktiv das Publikum, war diesem zugewandt und „badete“ förmlich in den ersten Reihen. Seine privaten Erfahrungen der letzten Jahre verstärkten diese neu gefundene Sehnsucht nach sozialen Kontakten und lassen den Sänger nun auch öffentlich in einem völlig anderen Licht erscheinen.

Ausgangspunkt war seine Plattform „The Red Hand Files“. In diesem fordert er sein Publikum auf, aktiv Fragen zu stellen. Tabus gibt es dabei keine, im Gegenteil. Cave wünscht sich mutige Fragen zu allen Themen. Mittlerweile sind tausende Fans diesem Aufruf gefolgt, Cave liest die Fragen nach eigenen Aussagen alle selbst. Was folgt, sind oft seitenlange Antworten, klug, einfühlsam, intelligent und niemals abwertend.

Von der Pinnwand auf die Bühne

Vor rund eineinhalb Jahren entschied sich Nick Cave, dieses Konzept auf die Bühne zu bringen, und testete es an der Ostküste der USA in vier Shows. Der Erfolg war so überwältigend, dass nun eine Welttournee folgt. In Deutschland trat er in lediglich drei Shows auf, die Karten dafür waren innerhalb von Minuten ausverkauft.

Wer das Glück hatte, eines der begehrten Tickets zu ergattern, erlebte einen berührenden Abend. Im großartigen Ambiente des Jugendstil-Theaters Admiralspalast in Berlin stellte sich Nick Cave den Fragen des Publikums und überraschte mit nie gekannter Offenheit und Ehrlichkeit. Kein Thema blieb ausgespart, die oft schmerzhaften Antworten seien für ihn auch Therapie, bekannte der Australier. Die rund dreistündige „Talkshow“ unterbrach Cave immer wieder mit solo am Flügel vorgetragenen Songs. Darunter befanden sich nicht nur Klassiker, sondern auch Überraschungen wie Leonard Cohens „Avalanche“ oder das extrem selten live gespielte „Shoot me down“.

Ohne Netz und doppelten Boden

Selbst das Outfit des fanatischen Anzugträgers überraschte. Statt wie gewohnt in Schwarz, trat er im hellen Sommeranzug auf. Die im Saal verteilten Ordner nahmen die Wünsche der Fans auf und machten den Meister auf der Bühne mit Leuchtstäben auf sich aufmerksam. Cave lieferte sich seinem Publikum förmlich aus und schuf so eine Atmosphäre, die man nicht so schnell vergessen wird. Er schwelgte in Erinnerungen an die 80er Jahre, als er noch in der durch die Mauer geteilten Stadt Berlin lebte und arbeitete, gab aufstrebenden Künstlern Tipps, legte sein Innerstes offen und spendete Trost. „Skeleton Tree“, der Titelsong des letzten Albums, beendete diesen denkwürdigen Abend, der dem staunenden Publikum eine völlig neue Seite im Leben des Nick Cave präsentiert hatte.

Bildquelle: pixabay.com

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