Das Virus und die Digitalisierung in Deutschland

letzte Aktualisierung am 11. September 2020 von der Redaktion

Deutschland ist Entwicklungsland, zumindest wenn es um den Ausbau der digitalen Infrastruktur geht. Gleichzeitig ist die Bundesrepublik Deutschland in der Planung weit voraus, so verfügen Bund und Länder schon seit fast zehn Jahren über komplexe Implementierungsstrategien und sie haben das entsprechende Know-How. Bis 2019 wurden dennoch wiederholt selbstgesetzte Ziele verfehlt und das Frühjahr 2020 brachte eine nie dagewesene Herausforderung mit dem Ausbruch der Covid-19-Pandemie. Auf welchem Stand befindet sich die Bundesrepublik jetzt und welche Rolle spielt das Virus?

Stand der Dinge

Neuesten Studien zufolge bleibt fehlende Investition in digitale Geschäftsmodelle eine akute Gefährdung besonders für den deutschen Mittelstand, auf dem sich die Wirtschaft des Landes stützt. Die ernüchternde Statistik der Bitkom zeigt, dass sich Unternehmensvorstände dieser Problematik durchaus bewusst sind, aber den Fachkräftemangel sowie besonders die Datenschutzproblematik als die wichtigsten Hürden angeben. Zwar haben über 77% der deutschen Unternehmen eine ausformulierte Digitalisierungsstrategie, jedoch investiert gerade einmal ein Viertel 2020 in diese.

Auch Internetleitungen sind bei weitem noch nicht flächendeckend. Bis 2025 plant der Bund, „schnelles Internet“ in alle Haushalte, Unternehmen und öffentliche Einrichtungen zu bringen. Nach EU-Definition wäre dies machbar, denn diese versteht DSL-Anschlüsse mit mindestens 30 Mbit/s als „schnell“. Die deutsche Definition, welche sich auch an die internationalen Standards anlehnt, zielt auf Gigabit-Verbindungen an, d.h. Datenübertragungswerte von mindestens 1.000 Mbit/s. Weniger als 4% der deutschen Haushalte haben 2020 Zugriff auf diese Technologie – Im Vergleich dazu schaffen es Schweden und Spanien auf ca. 50% und Südkorea liegt bei mittlerweile über 80%. Der Breitbandatlas der Regierung zeigt, wo die Schwachstellen liegen: In den ländlichen Gemeinden. Hier ist es den Netzanbietern schlichtweg zu teuer, die vorhandenen Kupferleitungen mit Glasfaser zu ersetzen, welche für die geplante Übertragungsgeschwindigkeit notwendig sind. Erst 2015 startete der Bund ein Förderprogramm in Höhe von vier Milliarden Euro zum Breitbandausbau und die Netzbetreiber kamen nur mit viel bürokratischem Aufwand an dieses Vermögen, denn die Antragsstellung gestaltete sich extrem komplex. Der teuerste Ausbaubereich ist die sogenannte „Letzte Meile“ von der Hauptleitung bzw. dem Verteiler bis in das Gebäude des Endnutzers. Hier liegen noch immer über 95% Kupferleitungen und diese können effektiv nur bis zu 100 Mbit/s übertragen (VDSL-Vectoring-Technologie).

Das Virus und die Digitalisierung in Deutschland

Dass der neue Mobilfunkstandard 5G diese Lücke schließen kann, ist jedoch ein Trugschluss. Zwar bringt 5G glasfaserähnliche Übertragungsgeschwindigkeiten mit sich, eine flächendeckende Versorgung würde jedoch aufgrund der geringen Reichweite zu viele Antennenmasten benötigen, welche allesamt an ein Glasfasernetz angeschlossen werden müssten, um ihre volle Leistung zu entfalten. Kurzstreckennetzwerke mit 5G-Technologie eignen sich inhärent besser für unternehmensweites Intranet.

Digitalisierung – Nur ein Schlagwort?

Eine einheitliche Definition des Wortes Digitalisierung ist schwierig, denn sie ist zeit-, orts- und personenabhängig. Das Ersetzen der Schreibmaschinen durch Computer war bereits Digitalisierung, ebenso das Umsteigen von VHS auf CDs und DVDs. Die Digitalisierung beschreibt also den Prozess der Nutzung neuer Technologien, um eine Verbesserung herbeizuführen. Sei dies durch höhere Speicherkapazität, geringere Produktionskosten, erhöhte Produktivität oder abstrakt ausgedrückt eine Verbesserung der allgemeinen Lebensqualität. Insofern ist die Digitalisierung sehr real, doch da es stets um neue Technologien geht, ist sie für den Laien ein sehr theoretisches Konstrukt. Die aktuellen Technologien, die der Digitalisierung zugeordnet werden, sind Künstliche Intelligenz, Big Data, Cloud-Speicher, Blockchain und das Internet der Dinge. Synonym zur derzeit verfolgten Digitalisierungsstrategie ist die „Industrie 4.0“, ein Konzept aus dem Jahr 2011. Nach der Industrialisierung, der Fließbandfertigung und der Automatisierung soll die Infusion der genannten Technologien eine neue industrielle Revolution herbeiführen. Auch hier zeigt sich, wie die Theorie in die Praxis übergeht: In den Fabriken der Zukunft sollen Menschen mit Maschinen und Anlagen vernetzt werden, nicht mit Kabeln oder sonstigen analogen Lösungen, sondern über das Internet der Dinge, welches etwa sämtliche Teile eines Fertigungsprozesses mit digitalen Daten versieht, die wiederum zur Grundlage für Optimierungsentscheidungen werden. Künstliche Intelligenz, genauer Algorithmen, hilft bereits heute bei der Auswertung der immensen Datenmengen, die bei diesem Prozess anfallen. Auch im Privatleben ist die Digitalisierung präsent, etwa durch das Aufkommen neuer Mobilfunkgeräte oder durch die Möglichkeit, Amtsgänge komplett elektronisch zu erledigen (Verwaltung 4.0).

Im Kern heißt Digitalisierung also Wandel oder Modernisierung. Diese ist per Definition ein natürlicher Prozess, wieso also fürchten sich die Vorstände deutscher Unternehmen?

Das Virus und die Digitalisierung in Deutschland

Wettrüsten der IT

Besonders die IT- und Internet-Branche ist von der Digitalisierung betroffen und hier zeichnen sich die deutlichsten Indikatoren für fehlende Innovation ab. Laut der zitierten Bitkom-Studie geben mittlerweile 50% der Unternehmen an, dass sie von neuen Wettbewerbern aus dem Markt verdrängt werden, weil diese sich frühzeitig mit aggressiver Digitalisierung befasst haben. Hier wiederholt sich wie so oft die Geschichte, denn Unternehmen, die nach dem Aufkommen des Computers nicht auf diese gesetzt haben, fanden schnell keinen Platz mehr inmitten einer Konkurrenz, die ihnen weit voraus war. Auch die Entwicklung der Elektronik zeigt, dass Digitalisierung exponentiell wächst, so werden Speichermedien Jahr zu Jahr effizienter und die Zahl der Transistoren auf Mikrochips und Prozessoren wächst jährlich um rund 50%. Dies bedeutet, dass schnell der Anschluss verloren wird, wenn sich ein Unternehmen nicht am Puls der Zeit befindet. Nachrüsten ist nicht effizient, vielmehr muss von einem Wettrüsten die Rede sein.

Coronavirus als Katalysator

Die Covid-19-Pandemie zeigt, wo genau die Schwachstellen liegen. Schulen waren für einen Umstieg auf Fernunterricht über das Internet unzureichend vorbereitet, es fehlte sowohl die Technik als auch die Schulung des Lehrpersonals. Mehr als jeder zweite Schüler war mit dem Angebot der Schulen unzufrieden. Auch der enorme Zuwachs an Homeoffice-Arbeit stellte eine besondere Herausforderung für diejenigen Firmen dar, die in einem anlogen Denken gefangen bleiben. Doch statt in dieser Trägheit zu verharren, bestand aufgrund der strengen Infektionsschutzauflagen geradezu ein Zwang zur Modernisierung. Viele Unternehmen geben an, auch nach der Krise etwa flexiblere Arbeitsmodelle anbieten zu wollen. Ebenso mussten sich neben den Schulen auch die Arztpraxen und die öffentliche Verwaltung modernisieren und die Infrastruktur, die hierbei aufgebaut wurde, wird auch nach Bezwingen der Pandemie noch stehen. Somit hat sich Covid-19 für das digital träge Deutschland und die einzelnen Bundesländer als Katalysator entwickelt. Dennoch bleibt eines sicher: Nicht die Technik wird die Digitalisierung tragen und verantworten, sondern der Mensch. Nur ein Innovations- und Investierungswille wie bei den Nachbarländern und vor allem im asiatischen Raum wird die deutsche Wirtschaft für die Zukunft wappnen. Nur wer sich rechtzeitig neue Technologien aneignet, wird wettbewerbsfähig bleiben.

Bildquelle: pixabay.com
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